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„Hallo gudde Moien, mir fänken un…“
15 Kindergartenkinder versammeln sich an der Wegkreuzung im Wald der luxemburgischen Gemeinde Lorentzweiler. Begleitet werden sie von ihrer Klassenlehrerin und der Naturpädagogin Triny Gorza. Triny sagt: „Ich habe gehört, ihr habt über den Friseur geredet in der Schule, könnt ihr mir davon etwas erzählen?“ Es beginnt ein Gespräch zum Thema. Triny meint: „Heute spielen wir im Wald auch Friseur.“ Einige Kinder sind der Meinung, das gehe doch gar nicht. Andere bringen Vorschläge, wie ,zum Beispiel eine Schere aus Ästen basteln. Triny hat Platanenblätter mitgebracht, denen die Kinder eine Frisur verpassen können. Ihr Blattgesicht kriegt eine Hagebuttennase, einen Steckenmund, Bucheckernaugen und Stecken-Stachelhaare.
 Herbsttag in der 2. Primarschulklasse. Die Kinder sitzen im Kreis im Wald neben dem neolithischen Haus. Das Haus, ein Steinkreis und ein Garten nach neolithischem Vorbild wurden mit den älteren Primarschülern in Zusammenarbeit mit dem Förster und seinen Mitarbeitern errichtet. Dort haben die Kinder zuvor ein Herbstmenu zubereitet und gegessen: Maiskolben vom Feuer, Kürbissuppe und Obstsalat. Nun erzählt die Naturpädagogin Liz Paulus ihnen von der Ernährung des Eichhörnchens. Sie fragt: „Wie versteckt das Eichhörnchen im Herbst seine Nahrung, damit die anderen Tiere sie nicht finden?“ Die Kinder schlagen mehrere Möglichkeiten vor: Hoch auf dem Baum, an verschiedenen Orten, sie gut vergraben… Dann dürfen sie selber Eichhörnchen spielen: Sie kriegen zehn Nüsse und gehen sie verstecken. Liz erzählt, dass es nun Winter wird und die Eichhörnchen Winterruhe machen. Die Kinder tun so, als ob sie schlafen. Liz erzählt weiter: „Plötzlich beginnt ihr Bauch zu knurren. Sie holen sich zwei Nüsse aus ihrem Versteck.“ Die Kinder rennen zu einem Versteck und suchen zwei Nüsse. Danach schlafen sie wieder ein, bis sie von neuem der Hunger plagt. So geht es weiter, bis die Kinder alle zehn Nüsse gefunden oder bei anderen geklaut haben – oder eben leer ausgehen. Liz fragt: „Wie geschieht das wohl bei den Eichhörnchen im Winter?“
„D’Natur erliewen an der Schoul“ – ein einmaliges Pilotprojekt
An der Schule Lorentzweiler findet der Unterricht regelmäßig und über die gesamte Schulzeit hinweg draußen statt. Im Kindergarten einen Morgen pro Woche, in der 1.-4. Klasse 3-9 Tage oder Halbtage pro Jahr, in der 5.-6. Klasse werden drinnen und draußen fächerübergreifende Themenwochen organisiert. Ziel des Pilotprojektes ist es, allen Kindern Gelegenheit zu bieten, - ihr natürliches Umfeld und die vom Menschen geschaffenen Landschaften kennenzulernen - die Besonderheiten ihrer Gegend und den Einfluss des Menschen auf Fauna und Flora zu begreifen - eine gefühlsmäßige Beziehung zu allen Lebewesen aufzubauen - bewusster und somit verantwortlicher als Teil ihres natürlichen und kulturellen Umfeldes zu leben und zu handeln, um auf diesem Weg einen eigenen Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung zu leisten.
Das Spezielle an diesem Schulprojekt ist, dass alle Kinder über acht Jahre hinweg davon profitieren können und sie von jeweils zwei professionellen Personen – einer ausgebildeten Naturpädagogin und ihrer Klassenlehrperson – begleitet werden. Die Projektaktivitäten werden in das reguläre Schulprogramm eingebunden. Im Kindergarten richten sie sich nach den Themen, die gerade im Klassenunterricht behandelt werden. In der Grundschule sind sie eingebettet in die naturwissenschaftlichen Fächer. Gelernt wird durch direktes Erfahren und Erforschen am Ort des Geschehens. Das Projekt bezieht das Wissen und die praktischen Kenntnisse der Dorfbewohner mit ein. Die Erfahrungen und didaktischen Materialien werden von den Naturpädagoginnen dokumentiert und den Lehrpersonen zur Verfügung gestellt. Daraus soll ein speziell auf die Gemeinde zugeschneidertes Unterrichtsheft entstehen.
Das Projekt wurde von der Umweltgruppe Lorentzweiler in Zusammenarbeit mit dem Forstamt und der Gemeinde erarbeitet. Die Umweltgruppe, die sich aus Lehrpersonen aller Stufen, den beiden Naturpädagoginnen und dem Förster zusammensetzt, kümmert sich um die Entwicklung und Umsetzung von Maßnahmen zur naturnahen Erziehung an der Schule. Die Gemeinde bezahlte die Infrastruktur, das Erziehungsministerium die Stellen der Naturpädagoginnen. Der Förster und seine Mitarbeiter errichteten die Infrastruktur.
Positive Bewertungen….
Im 6. Laufjahr wurde das Projekt ausführlich evaluiert. Ergebnisse: Praktisch alle Beteiligten (Kinder, Eltern, Lehrpersonen, Förster, Bürgermeister) sind sehr zufrieden oder zufrieden damit. Den meisten Kindern gefällt alles gut an den Projekttagen. Die Erwachsenen schätzen besonders, dass alle Kinder regelmäßig in Kontakt mit der Natur gebracht werden, dass sie ihre Umgebung kennen und schätzen lernen und dabei von zwei professionellen Personen begleitet werden. Sehr wertvoll sind für sie auch die Bewegungsmöglichkeiten und die ganzheitliche Förderung, die die Natur bietet sowie das spielerische, praktische und aktive Lernen direkt vor Ort. Dass die Kinder dank dem Projekt eine emotionale Beziehung zur Natur entwickeln, scheinen mindestens die Eltern der 26 Projektpionierkinder zu finden. Laut ihnen hat sich bei allen Kindern das Wissen über die Natur vergrößert, und bei fast allen die Kenntnis der lokalen Umgebung sowie die Beziehung zur Natur und zur lokalen Umgebung verbessert. 18 Eltern sind der Meinung, dass sich das Projekt positiv auf das Wohlfühlen der Kinder an der Schule auswirkt. Durch das Projekt wurde die Zusammenarbeit mit dem Förster und den Waldarbeitern gestärkt. Auch auf die lokale Umgebung hatte dieses Projekt, und andere, die parallel dazu entstanden, Auswirkungen: mit dem Förster und den Bauern wurde eine Streuobstwiese angepflanzt und Kartoffeln geerntet, die Besitzerin des Dorfladens änderte ihr Sortiment und bot vermehrt Bio-Produkte an. Die Eltern kriegten über ihre Kinder mehr mit, was im Dorf läuft.
… und einige Schattenseiten
Verbesserungsvorschläge für das Projekt werden vor allem von den Lehrpersonen genannt. Im Kindergarten wünschen sie sich mehr Alternativen bei schlechtem Wetter. In der Grundschule geht es vor allem um eine bessere Abstimmung des Projektthemas mit dem Thema, das von der Klassenlehrperson aktuell im Unterricht behandelt wird, damit die Vor- und Nachbereitung besser gewährleistet werden kann. Soll das Projekt nach Ablauf der Pilotphase ohne Naturpädagoginnen weitergehen, müssen die Klassenlehrpersonen ins Leiten der Aktivitäten eingeführt werden. Bis jetzt nahmen sie eher eine helfende und beobachtende Rolle ein. Die kulturelle Umgebung, das Ausgehen von den lokalen Gegebenheiten, die Zusammenarbeit mit Leuten aus dem Dorf kamen bisher zu kurz. Bedauerlicherweise motivierte das Projekt die wenigsten Lehrpersonen, ihren eigenen Unterricht zu verändern. Es scheint, als blieben den innovativen Unterrichtsmethoden die Türen zu den Klassenzimmern versperrt. Vielleicht werden sie nach Ablauf der Pilotphase Einzug halten und die Klassenlehrpersonen motivieren, selbst vermehrt draußen zu unterrichten.
Nachhaltige Schule
Sicherlich trug und trägt das Projekt „D’Natur erliewen an der Schoul“ dazu bei, an der Schule über Themen der Nachhaltigkeit zu diskutieren und konkrete Projekte dazu zu realisieren. Ein vielversprechendes Beispiel dazu ist das Projekt „nachhaltige Schule“, das im Dezember 2006 gestartet wurde. Das Projekt beinhaltet vier Themenbereiche: Wasser, Heizung, Strom und Abfall. Als erstes wurde in Zusammenarbeit mit schulexternen Partnern wie die Gemeindeverwaltung, Umweltberatungsstellen und Abfallentsorgern eine Lehrerfortbildung organisiert. Jede Klasse des Obergrades (5.-6. Klasse) sowie der Kindergemeinderat vertieften sich dann in ein Thema und überlegten, was hier an der Schule verbessert werden könnte. Dies wurde in einer Ausstellung den anderen Kindern und den Eltern dargelegt. Bei einem Rundtischgespräch diskutierten alle Akteure vom Putzpersonal über die Kinder bis zu den Eltern mit den Gemeindeverantwortlichen über Verbesserungsvorschläge. .Das Projekt ist noch am Laufen: derzeit werden Vorschläge umgesetzt wie z.B. ein Abfallvermeidungs- und Entsorgungskonzept sowie das Einsetzen von Umweltdetektiven in allen Klassen.
Was hat sich während dem Projekt verändert?
Im Kindergarten werden die Ganztage (einer pro Jahreszeit) nicht mehr bei jedem Wetter durchgezogen. Bei sehr schlechtem Wetter werden sie verschoben. Es stehen Alternativaktivitäten zur Verfügung: Zum Beispiel im Rahmen der gesunden Ernährung Frühstück einkaufen und in der Schule vorbereiten. Es wurden Reservekleider organisiert für die Kinder, die schlecht ausgerüstet in die Schule kamen.
Die Zusammenarbeit zwischen der Naturpädagogin und der Klassenlehrperson hat sich verbessert. Beide haben sowohl auf pädagogischer Ebene als auch auf der Wissens- und Erfahrungsebene dazugelernt. Die Naturpädagogin Liz Paulus sagt dazu, dass sie die Kinder mehr selbständig arbeiten lässt, mehr auf sie eingeht, mehr auf das Einhalten von Regeln achtet. Die Kinder hören besser zu.
Die Umweltgruppe hat gelernt, als Team zu arbeiten - und Sitzungsprotokolle zu schreiben als Dokumentationsgrundlage. Das Projekt motivierte die Umweltgruppe zur Lancierung vieler anderer Projekte im Bereich Umweltbildung. Zuerst wurden sehr umfangreiche Projekte mit viel Presse-Arbeit durchgeführt, wie der Bau des Neolithikums oder ein Kunstprojekt in der Natur. Mit der Zeit schrumpften die Ansprüche der Umweltgruppe und die Projekte – dafür machen auch alle mit.
Tipps für andere Schulen
- Das Projekt wird von der ganzen Schule getragen. Alle Lehrpersonen und auch die Schulbehörden sollten dahinter stehen. - Das Projekt ist regelmäßig und langfristig angelegt. - Das Projekt beginnt vor der Schultür. - Es braucht – zumindest zu Beginn - ausgebildetes Personal, das die Kinder begleitet. - Eine Struktur wie die Umweltgruppe ist das Rückgrat des Projektes und stützt die Naturpädagoginnen. Zudem ist sie Ideenfabrik für weitere innovative Projekte im Bereich Umweltbildung. Was speziell in Lorentzweiler zu sein scheint ist der harte Kern von Lehrpersonen, der die Innovation vorantreibt, und die Umweltgruppe als strukturelles Gefäß dazu. Es gibt die beiden Naturpädagoginnen, die bezahlte Arbeitszeit zur Verfügung haben, Projekte zu realisieren und zu dokumentieren. Und es gibt keine Lehrpersonen, die sich quer stellen und nicht mitmachen. - Das Projekt ist maßgeschneidert auf die eigene Schule. - Die Natur als Lernumgebung erfordert ein flexibles und spontanes Unterrichten, das integriert, was die Kinder draußen entdecken. - Die Zusammenarbeit mit dem Förster und der Gemeinde muss klappen. - Naturpädagogin und Klassenlehrperson ziehen am selben Strick. Es besteht Einigung über die Ziele und Schwerpunkte des Projektes. - Es braucht gestaltete Plätze, die von den Kindern regelmäßig besucht werden. - Eine gute Ausrüstung aller Kinder ist das A und O. - Für die Aufenthalte draußen soll genügend Zeit eingeplant werden. Zeit, die nicht nur in das instruierte Lernen investiert wird, sondern auch in das Verweilen, das Entdecken und Erforschen auf dem Weg, das Vertiefen in eine Aktivität. Nach den Erfahrungen der Lehrpersonen und Naturpädagoginnen aus Lorentzweiler sind drei Stunden das Minimum.
Sarah Kiener Wauquiez
Für weitere Informationen zur Evaluation des Projektes : sarah.kiener@freesurf.ch paulusliz@hotmail.com Die Evaluationsstudie sowie eine Zusammenfassung dieser Studie finden Sie unter evaluation
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